Wie gefährlich ist Leishmaniose?

Wie gefährlich ist Leishmaniose?

Immer mehr Hundebesitzer haben schon einmal von „Leishmaniose“ gehört. Einige haben sogar einen Hund, der „Leishmaniose-positiv“ ist. Und manche fragen sich, ob sie es riskieren sollen, einen Hund mit dieser Infektion bei sich aufzunehmen. Welche Chancen hat ein infizierter Hund? Könnte sich ein gesunder Hund bei einem infizierten Artgenossen anstecken? Oder könnte ein Leishmaniose-positiver Hund die Erreger auf Menschen übertragen? Hundehilfe Mariechen klärte diese Fragen mit Dr. Shiela Guzik, Tierärztin in Brilon

  • Mit der Klimaerwärmung und dem „Import“ infizierter Hunde soll sich die Sandmücke – sie ist der Überträger der Parasiten – und somit die Leishmaniose immer mehr auch in Deutschland ausbreiten. Was halten Sie von dieser Behauptung?

Das ist nicht ganz abwegig, wenn auch die Zusammenhänge immer wieder sehr reißerisch formuliert werden. Man schätzt, dass mittlerweile rund 100.000 Leishmaniose-positive Hunde in Deutschland leben. Und es ist tatsächlich möglich, dass ein Leishmaniose-positiver Hund die Erreger auf gesunde, also nicht-infizierte Artgenossen übertragen kann. Es gab sogar einen Fall in Deutschland, wo ein definitiv nicht befallener Hund nach einer Beißerei mit einem Leishmaniose-positiven Hund diese Infektion bekommen hat.

  • Es ist also nicht nur die Sandmücke der Überträger der Parasiten?

Der häufigste Übertragungsweg vollzieht sich über den Stich einer Sandmücke. Wenn sie bei einem infizierten Hund Blut gesaugt hat und danach sofort den nächsten Hund sticht, wird dieser aber nicht gleich infiziert, weil der Parasit mindestens fünf bis acht Tage braucht, um bestimmte Entwicklungsstadien zu durchlaufen und wieder die infektiöse Form für den Hund bzw. auch für den Menschen anzunehmen.

  • Leben denn in Deutschland schon so viele Sandmücken, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, von so einem Insekt gestochen zu werden?

Nein, noch ist die Wärme liebende Sandmücke bei uns nicht sehr verbreitet. Aber es hat sich im Laufe der letzten Jahre gezeigt, dass es noch andere Übertragungswege gibt, z. B. durch den Deckakt über das Sperma oder vom Muttertier per gemeinsamem Blutkreislauf auf die ungeborenen Welpen. Wird eine Leishmaniose-positive Hündin trächtig, werden bis zu 75% ihrer Welpen schon im Mutterleib angesteckt. Deshalb plädieren wir Tierärzte sehr dafür, Leishmaniose-positive Hündinnen zu kastrieren, was natürlich für infizierte Rüden gleichermaßen gilt. Hat der Hund bereits Symptome, kann auch eine Übertragung über Speichel, - Bindehaut-Sekret oder Urin erfolgen.

  • Wo in Deutschland wurde die Sandmücke gesichtet?

Regional begrenzt – beispielsweise in Baden-Württemberg entlang des Rheingrabens sowie in Rheinland-Pfalz im Raum Kaiserslautern und Saarbrücken. Die Sandmücken sind hier nicht eingeschleppt, sondern es handelt sich um natürliche Populationen. In der genannten Region in Rheinland-Pfalz wurden auch schon einige Fälle von Leishmaniose bei Hunden festgestellt, die nicht aus dem Ausland kamen und auch niemals dorthin verreist waren. Auch sonst gab es keinen anderen möglichen Infektionsweg als den Stich der Sandmücke. Ich denke, dass sich die Sandmücken – wie ja auch beispielsweise die Zecken – im Zuge der Klimaerwärmung immer weiter auch in Richtung Norden ausbreiten werden. Ein gewisser Prozentsatz der Sandmücken ist Träger bzw. Überträger der Leishmanien – und somit wird eine Spirale mit zunehmenden Leishmaniose-Fällen entstehen.

  • Welche Symptome sind typisch für eine Leishmaniose?

Die Leishmanien können Haut, Schleimhaut oder Organe schädigen. Hunde haben meist  Mischformen, d. h., es sind sowohl die inneren Organe als auch die Haut betroffen. Fast nie treten alle Symptome gemeinsam auf, so dass es oft nicht einfach ist, Leishmaniose zu erkennen. Dies umso mehr, als die Zeit zwischen dem verhängnisvollen Insektenstich und den ersten Symptomen (Inkubationszeit) einige Monate bis zu sieben Jahre betragen kann. Lymphknotenschwellungen, Durchfall, allgemeine Trägheit, Gewichtsverlust, Zahnfleisch- und Nasenbluten, Haarausfall, blutige oder schuppende Ekzeme vor allem an den Ohren, im Gesicht, an Gelenken und über Knochenvorsprüngen sind Hinweise. Aber auch auffallend starkes Krallenwachstum oder Veränderungen an den Ballen können ein Zeichen für Leishmaniose sein. Hinweisende Symptome sind z. B. Haarverlust um die Augen herum und Veränderungen der Ohrränder sowie offene Wunden, ohne dass es zu Verletzungen gekommen wäre.

  • Unter welchen Umständen besteht eine Ansteckungsgefahr für den Menschen?

Wenn der Leishmaniose-positive Hund offene Wunden oder Geschwüre hat und mit einem Menschen in Kontakt kommt, der ebenfalls eine offene Hautstelle beispielsweise durch eine Verletzung hat, ist theoretisch eine Übertragung möglich. Die geschieht aber natürlich nicht über die Luft, sondern ausschließlich durch den direkten Kontakt der wunden Stellen von Hund und Mensch.

  • Es gibt Tierärzte, die angesichts eines Leishmaniose-positiven Hundes sagen: „So einen Hund würde ich einschläfern!“ Wie stehen Sie dazu?

Es gibt zu Leishmaniose viele Meinungen. Manche dramatisieren, andere bagatellisieren. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen sind der Auffassung, dass sogar Hunde, die einen ganz niedrigen Titer und keinerlei Symptome haben, nicht ins Land gebracht werden dürften. Die wünschen sich ein regelrechtes Verbot. Wurde der Hund schon ins Land gebracht und stellt man dann erst die Infektion fest, sollte er auf der Stelle euthanasiert werden. Diese Haltung verurteile ich sehr! Ich sehe mir die einzelnen Fälle genau an. Man sollte es sich jedoch gut überlegen, ob man einen solchen Hund aufnehmen möchte, insbesondere, wenn sein neues Zuhause ein Mehrhunde-Haushalt ist und sich darunter vielleicht ein älterer, chronisch kranker Hund befindet, dessen Immunsystem nicht mehr richtig arbeiten kann. Dasselbe gilt natürlich, wenn Menschen mit unzureichender Immunkompetenz im Haushalt leben wie sehr kleine Kinder oder Betagte, die gebrechlich und krank sind. Vorsicht ist also geboten – daran gibt es nichts zu deuteln.

  • Sie haben auch die Bagatellisierung des Problems angesprochen. Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter einer Bagatellisierung?

Bagatellisierungen kommen meistens von Laien. Man kann Aussagen lesen wie „Das wird doch alles aufgebauscht!“, „Das ist gar nicht schlimm!“ oder „Das müssen Sie gar nicht behandeln!“ In vielen Foren oder in sozialen Netzwerken findet man Kommentare wie „Es ist noch nie eine Übertragung von Hund zu Hund vorgekommen, geschweige denn von Hund zu Mensch!“. Das ist schlicht und einfach Unsinn bzw. die Unwahrheit. Das darf man nicht im Raum stehen lassen, auch wenn das Risiko sicherlich nicht groß ist. Aber auch ein so genanntes Restrisiko ist letztlich ein Risiko, das man nicht verschweigen darf. Es ist auch niemandem geholfen, wenn man irgendetwas beschönigt. Die infizierten Tiere bedürfen einer Behandlung, denn wir haben es mit einer chronischen Erkrankung zu tun, die schwere Formen annehmen kann und nach heutigem Kenntnisstand nicht heilbar ist.

  • Was ist mit den Hunden, die zwar laut Blutuntersuchung „positiv“ sind, aber nie Symptome bekommen?

Bei diesen Hunden arbeitet das Immunsystem so gut, dass es den Erreger so weit in Schach halten kann, sodass die Erkrankung niemals ausbricht. Diese Hunde haben meist einen sehr niedrigen Antikörpertiter, der mit der Zeit auch verschwinden kann. Aber das heißt nicht, dass der Hund komplett frei bzw. geheilt ist. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Erreger im Körper bleiben. Leishmanien verstecken sich in bestimmten Zellen, beispielsweise des Knochenmarks.  

  • Ist das Ansteckungsrisiko gering, wenn der „positive“ Hund keine Symptome hat?   

Genau! Das Ansteckungsrisiko ist dann sogar sehr gering. Beim normalen Hund-Hund-Kontakt ebenso wie beim normalen Mensch-Hund-Kontakt muss man sich dann nicht den Kopf zerbrechen. Da reichen die bekannten Hygieneregeln wie Hände waschen usw.

  • Die meisten „positiven“ Hunde werden mit dem Wirkstoff Allopurinol behandelt. Wie teuer sind diese Medikamente?

Das Allopurinol, das übrigens keine nennenswerten Nebenwirkungen hat, wird in Tablettenform zweimal täglich verabreicht, meist für längere Zeit. Das ist ein sehr preisgünstiges Medikament. Für einen 20-Kilo-Hund zum Beispiel entstehen Kosten in Höhe von zirka fünf Euro pro Monat. Wenn der Hund außer Allopurinol noch etwas anderes braucht, weil deutlichere Symptome auftreten oder der Antikörpertiter sehr hoch ist, verwendet man entweder Milteforan oder Glucantime. Mit Glucantime wären es für einen 20-Kilo-Hund bei vierwöchiger Behandlung etwa 110 Euro. Wenn man Milteforan verwendet, kommt man auf  200 Euro. Allerdings entscheidet über den Preis auch die Einkaufsquelle. Die Medikamente sind in Deutschland nicht zugelassen, also muss man sie über eine internationale Apotheke bestellen genau wie das Carbesia gegen Babesiose. Aber das sind keine dauerhaften Kosten, denn Milteforan oder Glucantime setzt man über vier Wochen ein und beurteilt dann den Therapieerfolg. Über längere Zeit wird nur das Allopurinol eingesetzt.

  • Was bewirkt Allopurinol im Körper?

Allopurinol tötet die Leishmanien nicht ab, sondern sorgt dafür, dass sie sich nicht weiterentwickeln bzw. vermehren können. Milteforan und Glucantime wirken leishmanizid, sprich: sie töten die Erreger ab. Was aber eben leider keine den Erreger komplett eliminierende Wirkung hat. Man kann aber die Erregerlast – so nennen wir das – deutlich senken.

  • Man kann also auch das Allopurinol nie absetzen, weil ja immer irgendwo noch Erreger unterwegs sind?

Es gibt Hunde, die keine Symptome und einen niedrigen Antikörper-Titer haben. Das bedeutet in Abhängigkeit von dem verwendeten Testsystem in Zahlen z. B. einen Titer von 1:50 bis 1:100 im so genannten IFAT-Test oder 7-15 im ELISA-Test. Von hohen Titern sprechen wir bei Werten über 1:800 bzw. über 45. Bei Hunden mit einem niedrigen Titer kann man in Absprache mit dem behandelnden Tierarzt bzw. der Tierärztin nach einer gewissen Zeit oft zu einer Intervallbehandlung übergehen. Also beispielsweise so: Nur in den ersten sieben Tagen des Monats bekommt der Hund Allopurinol. Es ist übrigens ratsam, Allopurinol nicht länger als zwei bis drei Jahre ununterbrochen zu geben. Es ist zwar durchaus gut verträglich, kann aber eine Harnsteinbildung fördern. Die meisten Hunde vertragen das Medikament sehr gut, insbesondere wenn man bei der Ernährung darauf achtet, dass sie purinarm und insgesamt etwas proteinreduziert zusammengesetzt ist. Das vermindert das Risiko der Kristallbildung in den ableitenden Harnwegen.

  • Wie oft sollte der Hund tierärztlich untersucht werden und was wird dabei untersucht?

Anfangs würde ich eine vierteljährliche Kontrolle empfehlen, später kann man zu halbjährlichen Terminen übergehen. Ich rate dazu, nicht nur den Antikörper-Titer bestimmen zu lassen, sondern immer ein großes Blutbild mit einer Elektrophorese zu erbitten, damit man sieht, wie es um die Antikörper bestellt ist bzw. wie es um einzelne Eiweißkörper steht. Die Elektrophorese ist sehr häufig bei Entzündungen verändert, aber auch zum Beispiel bei Nierenproblemen, die noch im Verborgenen geschehen. Das funktionsfähige Gewebe der Niere kann bis auf ein Drittel zusammenschrumpfen, bevor man dem Hund etwas anmerkt. Auch zu einer Harnuntersuchung rate ich. Beispielsweise zeigt der Protein/Kreatinin-Quotient, UPC abgekürzt, an, ob die Nierenfunktion normal ist.

  • Allein mit der Bestimmung des Antikörper-Titers sollte man sich also nicht zufrieden geben?

Das Problem mit den Antikörpern ist ja, dass sie erst auf den Plan gerufen werden, wenn es eine bestimmte Richtung gibt in der Immunantwort, nämlich die so genannte Th2-vermittelte Immunantwort. Solange die Th1-vermittelte Immunantwort auf der zellulären Ebene vorherrscht, werden noch keine Antikörper gebildet, es kann sich aber schon etwas im Körper abspielen. Der Hund kann infiziert sein, man merkt es aber nicht, weil keine Antikörper da sind. Deshalb wird oft der direkte Erregernachweis empfohlen mittels PCR, also Polymerase-Kettenreaktion, und zwar aus Proben von Lymphknoten, Milz, Knochenmark, Konjunktivalabstrich, Urin oder Maulhöhle. Es gibt unterschiedliche Standpunkte darüber, wo sich die Erreger anreichern. Manche raten sogar zu regelmäßigen Erregernachweisen. Das bedeutet jedes Mal eine Biopsie. Wenn es um meinen Hund ginge, würde ich es nicht machen, denn ich halte es für viel zu stressig für das arme Tier. Und ich wüsste nicht, ob der Nutzen wirklich das Risiko einer potenziellen Reaktivierung durch den Stress übersteigt. Ich würde diese Untersuchungsmethode jedenfalls nicht als Routine-Kontrolle ansehen wollen.

  • Reicht also im Grund normalerweise der so genannte Mittelmeertest?

Durchaus. Wichtig zu wissen ist, dass die Leishmaniose häufig in Kombination mit anderen Infektionen auftritt, in der Regel mit Ehrlichiose, aber auch mit Babesiose und weiteren Infektionen. Oftmals besteht zuerst die Ehrlichiose – und die scheint einen Hund zu prädisponieren, dass er sich die Leishmanien „einfängt“ bzw. nicht so gut damit fertig wird. Deshalb ist es wichtig, dass man auch die Begleitinfektionen angeht, die ja ganz anders behandelt werden müssen. Wenn ein Hund einen relativ niedrigen Titer hat und trotzdem so vor sich hinkrepelt, muss man nachsehen, ob das Immunsystem sich noch mit anderen Dingen herumschlägt.  

  • Sollte man jeden Hund, den man aus dem Mittelmeerraum mitgebracht bzw. bekommen hat, bald untersuchen lassen?

Ja, dazu würde ich raten. Nach einigen Monaten sollte man noch einmal den so genannten Mittelmeer-Test wiederholen. Und zwar dann eben wirklich auf das gesamte Spektrum. Empfohlen von der ESCCAP (European Scientific Counsel Companion Animal Parasites) sind Tests auf Leishmaniose, Dirofilariose (Herzwurm), Babesiose und Ehrlichiose. Ich würde auf jeden Fall noch die Anaplasmose und Hepatozoonose dazunehmen, wenn man wirklich nichts übersehen will.

  • Warum gibt es so unterschiedliche Verläufe? Manche Hunde werden quietschvergnügt „uralt“ mit dieser Infektion, andere sind trotz intensiver veterinärmedizinischer Betreuung nicht zu retten.

Primär liegt das wie gesagt an dem Immunsystem des betreffenden Hundes. Es sind immer die Fragen: Wie lange hat das Tier das schon? Was ist bereits an Schäden gesetzt worden, die vielleicht nicht mehr reparabel sind, insbesondere im Bereich der Niere? Inwieweit kann eine Therapie etwas bringen? Wenn eine Leishmaniose ausbricht und sich die erwähnten Symptome ausprägen, führt die Erkrankung unbehandelt oft binnen sechs bis zwölf Monaten zum Tod. Bis dahin zeigen sich katastrophale Zustandsbilder.

  • Gibt es denn für diese Tiere irgendeine Aussicht auf Rettung?

Vereinzelt gibt es mal ein Wunder, so möchte ich sagen. Ich habe einige Fälle mitverfolgt, wo die Tiere vollkommen kahl, übersät von blutigen Stellen und bereits durch organische Störungen geschwächt waren, die sich aber durch eine intensivmedizinische Betreuung wieder berappelt haben. Das waren Tiere, für die ich – wären Sie auf meinen Behandlungstisch gekommen – nur noch einen Weg gewusst hätte, nämlich sie so schnell wie möglich zu erlösen. Aber es gibt immer wieder Tierschützer, die sich dieser Tierchen erbarmen und weder Kosten noch Mühen scheuen. Teilweise haben sich diese Hunde ganz wunderbar erholt und sahen regelrecht gesund aus mit ihrem dichten Fell. Seither denke ich: Man darf die Hoffnung nicht so schnell aufgeben. Allerdings muss man auch sehen: Eine solche intensivmedizinische Therapie kostet eine enorme Summe, die erst mal aufgebracht werden muss. Letztlich ist aber diese Botschaft wichtig: Wenn die Tiere einen Überlebenswillen haben und in ein umsorgendes Umfeld kommen, ist einiges möglich! Leishmaniose ist nicht von Vornherein ein Todesurteil, selbst bei den Schwerst-Erkrankten nicht. Vorhersagen lässt sich allerdings nichts.  

  • Stimmt es also, dass ein ruhiges, strukturiertes Zuhause einem Leishmaniose-positiven Hund helfen kann, mit der Infektion gut klarzukommen? Stärken also die sprichwörtlichen „guten Hände“ das Immunsystem?

Ja, das ist sogar das A und O! Zusätzlich zur medikamentösen Therapie versteht sich. Denn die Psyche des Hundes entscheidet stark mit, wie das Immunsystem aufgestellt ist. Alles, was Stress verursacht, behindert Heilung. Auch Unterernährung, Kälte und Monotonie, wie sie oft in Auffangstationen und Caniles herrschen, dämpfen das Immunsystem. Eine meiner Patientinnen, eine kleine zuckersüße Hündin aus Spanien, die auch Leishmaniose mitgebracht hatte, war in ein sehr liebes, ruhiges Zuhause mit regelmäßigen Abläufen gekommen. Aber diese Hündin blieb leider extrem ängstlich. Sie hat draußen nur gezittert und regelrecht geschlottert. Wir haben alles Mögliche versucht, u. a. mit Bach-Blüten und mit pflanzlichen Beruhigungsmitteln, aber sie war von Grund auf verstört. Wir haben sie über einige Jahre begleitet, jedoch die Leishmaniose nicht in den Griff bekommen. Sie hatte nie Phasen, in der man sagen konnte, einen gesunden Hund vor sich zu haben. Sie blieb ein kränkliches Wesen und letztendlich musste ich sie wegen eines Nierenversagens erlösen. Ihren unveränderbar kränklichen Zustand habe ich in großem Maß darauf zurückgeführt, dass sie innerlich nie zur Ruhe gekommen ist. Sie lebte mit einem inneren Dauerstresspegel. Wenn sie nicht zu diesen fürsorglichen Menschen gekommen wäre, hätte sie sicher nur noch ganz wenig Zeit gehabt.

  • Millionen von Menschen leben im Mittelmeerraum und weitere Millionen verbringen alljährlich ihren Urlaub dort. Wird denn niemand von der Sandmücke gestochen? Sind sie alle immun?  

Ganz und gar nicht! Grundsätzlich sind alle Menschen empfänglich. Aber die meisten, die über ein gutes Immunsystem verfügen, stecken das relativ gut weg. Außerdem tritt die Infektion nicht zeitnah nach dem Stich auf, sondern meistens Monate später. Das kann sich in Form eines Hautknötchens zeigen, das sich entzündet und mit dem man auch eine Weile zu tun hat. Aber wer bringt das mit dem Urlaub in Verbindung, wenn der Monate her ist?

  • Spürt man denn den Stich der Sandmücke nicht?

Der Stich tut weh, aber diese Mücken stechen nachts. Und im Schlaf spüren wir diesen Einstichschmerz eher wenig bzw. wir wachen davon nicht auf. Außerdem hört man diese Mücke – ganz im Gegensatz zu unserer einheimischen Mücke – nicht. Sie ist lautlos. Dann hat man vielleicht eine kleine juckende Stelle, aber darüber denkt man nicht tagelang nach. Hinzu kommt: Welcher Allgemein-Mediziner hat die Leishmaniose im Hinterkopf, wenn sich ein Patient nicht wohl fühlt? Das Problem ist, dass die Erkrankung viele Gesichter haben kann.

  • Dann muss die Frage erlaubt sein, ob nicht auch die Urlauber bzw. alle Reisenden für die Verbreitung der Leishmaniose sorgen – und eben nicht nur die Hunde, die aus dem Süden zu uns kommen.

Ja, das ist ein berechtigter Gedanke. Touristen könnten zudem die Sandmücke oder ihre Larven im Gepäck mitbringen. Leishmaniose-Infektionen nehmen zu, es sind weltweit schon zwölf Millionen Menschen infiziert, denn diese Erkrankung ist ja nicht nur auf den Mittelmeerraum beschränkt.

  • Es wäre doch mal interessant, sich selbst testen zu lassen. Könnte es sein, dass der Arzt bzw. das Labor da etwas findet?

Aber natürlich kann das sein. Wobei man berücksichtigen muss, dass die Antikörper, die sich ja erst einige Wochen nach dem Kontakt mit dem Erreger bilden, einen höchsten Wert im Blut erreichen und dann wieder abfallen. So kann es sein, dass sechs Monate nach der Infektion keine Antikörper nachweisbar sind. Was aber nicht bedeutet, dass man keine Leishmanien im Körper hat.

  • Haben wir es in Europa unserem guten Ernährungs- und Gesundheitsstatus, unserem hohen Lebensstandard und damit einem stabilen Immunsystem zu verdanken, dass wir unsere eventuellen Leishmaniose-Infektionen nicht zu spüren bekommen?

Richtig! In Indien und Südamerika beispielsweise gibt es sehr schwerwiegende Krankheitsverläufe, die die Menschen regelrecht entstellen. Wichtig ist auch, um welche Art der Leishmanien es sich handelt. Im Mittelmeerraum überwiegt Leishmania infantum.

  • Was sollte man zur Prophylaxe tun, wenn man in die Mittelmeerregionen reist – ob nun mit oder ohne seinen Hund?

Das sind ganz einfache Maßnahmen: In der Dämmerung nicht ohne Mückenschutz unterwegs sein und nicht auf normale Moskitonetze vertrauen, denn die Sandmücke ist so winzig, dass sie durch die Maschen passt. Wenn der Hund mitreist, sollte er ein Insektenschutz-Halsband tragen oder regelmäßig alle 14 Tage ein Spot-on bekommen. Und natürlich nachts nicht draußen schlafen müssen …

 

Bitte beachten Sie, dass diese Informationen den persönlichen fachlichen Rat nicht ersetzen können!