„Wer hat Angst vorm fremden Mann?“ oder „Von der Chance, mit einem Angsthund zu leben“

„Wer hat Angst vorm fremden Mann?“ oder „Von der Chance, mit einem Angsthund zu leben“

 

Einführung

 

Planen Sie, einen sogenannten „Angsthund“ aus dem Tierschutz zu adoptieren? Oder leben Sie bereits mit einem solchen zusammen und sind auf der Suche nach Wegen, wie Sie ihm und sich das Leben erleichtern können? Wechselt Ihre Stimmung im Hinblick auf Ihren Hund mehrmals täglich zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, weil sich der vermeintliche Erfolg und Fortschritt urplötzlich in das genaue Gegenteil verkehrt? Keine Sorge, Sie stehen damit nicht alleine da. Jeder Hundebesitzer gelangt irgendwann an den Punkt, an dem er sich fragt, wie er nur jemals auf die aberwitzige Idee kommen konnte, sich überhaupt ein und dann noch genau dieses Fellbündel in sein Leben zu holen. Einem Angsthundebesitzer passiert dies zugegebenermaßen etwas öfter…

Daher möchten wir Ihnen an dieser Stelle ein wenig Unterstützung anbieten. Möchten Sie etwas über die Hintergründe zum Thema Angsthund erfahren, lesen Sie weiter in Teil Eins. Interessieren Sie sich aber vorrangig für praktische Möglichkeiten zum Umgang mit einem Angsthund, so können Sie sofort zu Teil Zwei weitergehen. Viel Spaß und Erfolg mit Ihrem Angsthund!

 

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 Teil Eins: Grundlagen

 

Über eines muss man sich im Klaren sein: Einen Angsthund aufzunehmen, bedeutet Mut zum Risiko, und stellt oftmals eine immense Herausforderung dar. Mit „Augen zu und durch“ kommt man hier ganz gewiss nicht zum Ziel! Vielmehr ist es der „Weg der kleinen Schritte und leisen Töne“, der dauerhaft zum Erfolg führt. Einen Angsthund zu begleiten, ist oftmals eine tiefgreifende Erfahrung und kann auch durchaus für den Menschen von geradezu therapeutischem Wert sein. Nach einer gewissen Zeit wird man erstaunt feststellen, dass man nicht mehr derselbe Mensch ist wie vorher, denn:

Wer einen Angsthund in sein Leben und Herz einlässt, wird erleben, dass dieser die besten Eigenschaften in ihm weckt bzw. verstärkt: Geduld, Ausdauer, Ruhe, Sanftmut, Mitgefühl, Klarheit, Verständnis und Achtsamkeit, aber auch Humor, Beherztheit, Geistesgegenwart, Berechenbarkeit, Zuverlässigkeit, Souveränität und Konsequenz – mit einem Wort echte Führungsqualitäten.

Hingegen wird man folgende Wesenszüge zwangsläufig mehr und mehr aus seinem Leben verbannen müssen, will man einem Angsthund seine Ängste nehmen: Ungeduld, Eile, Unruhe, Anspannung, Hektik, Unfreundlichkeit, Wut, laute und cholerische Ausbrüche, Grobheit, Unverständnis, Inkonsequenz, Unzuverlässigkeit – und eigene Ängste.

Ein Angsthund fordert seinem Menschen oftmals unglaubliche Geduld ab und bringt ihn sicher auch hin und wieder an die Grenzen der Belastbarkeit. Auf der anderen Seite ist das Glücksgefühl, das sich einstellt, wenn der Hund die ersten Veränderungen seines Verhaltens in die erhoffte Richtung zeigt und sich zaghaft annähert, unbeschreiblich sowie Belohnung für alle vielleicht erlebten Misserfolge oder Rückschritte und Ansporn für die Zukunft zugleich.

 

Was ist überhaupt ein sogenannter „Angsthund“?

Dieser Begriff bezeichnet im Wesentlichen zwei Gruppen von Hunden:

Die erste Gruppe umfasst Hunde, deren Hauptproblem die Angst vor dem Menschen ist. Dazu zählen zum einen Hunde, die von klein auf überhaupt keinen oder nur mangelnden Kontakt zum Menschen hatten. Es gibt auch Welpen, die bereits mit der Angst vor dem Menschen geboren werden; hier werden u.a. genetische bzw. epigenetische Ursachen diskutiert. So schade es auch ist, bei solchen Tieren wird es nur selten gelingen, aus ihnen langfristig Hunde zu machen, die sich in der Gesellschaft des Menschen wohlfühlen und zu sozialverträglichen Begleitern entwickeln.

Zum anderen gehören dazu aber auch alle Hunde, die aufgrund schlechter Erfahrungen Angst vor dem Menschen entwickelt haben. Ist bereits im Welpenalter eine massive angstgeprägte Fehlprägung auf den Menschen entstanden, sind die Aussichten, dass das Tier seine Ängste jemals vollständig ablegen wird, eher vorsichtig zu bewerten. Allerdings darf man sich hier keinesfalls zu pauschalen Vorurteilen hinreißen lassen, da jeder Fall individuell zu betrachten ist. Hat ein Hund hingegen bereits einmal positive Erfahrungen mit Menschen gemacht, oder gehört er einer Rasse an, die vom Wesen her dem Menschen sehr zugetan ist (beispielsweise die meisten Jagdhunderassen, aber auch viele andere), erleichtert das die Sache oft deutlich.

 

Zur zweiten Gruppe zählen Hunde, die zwar keine Angst vor dem Menschen, aber dafür vor allen möglichen anderen Dingen haben: Lärm, Gewitter, Wasser, Autos, Staubsauger etc., oder auch vor anderen Tieren.

Der Grund dafür muss nicht zwingend eine in der Vergangenheit liegende negative Erfahrung sein, sondern kann auch schlicht der Tatsache geschuldet sein, dass der Hund im Welpenalter kaum Reizen ausgesetzt war, also in der entscheidenden Phase bis zur 16. Lebenswoche nicht, wie es optimal für seine Entwicklung gewesen wäre, möglichst viele Dinge und Situationen kennen lernen und positive Erfahrungen sammeln konnte. Ein Beispiel sind die Beagle aus dem Kölner Modell, die nach ihrer Teilnahme an Tierversuchen zur Adoption freigegeben werden. Diese Hunde haben ihr bisheriges Leben ausschließlich hinter den Mauern der Versuchsanstalt verbracht und kennen absolut kein „normales“ Leben. Sie müssen dieses quasi von der Pike an ganz neu erlernen.

Wie beim Menschen, gibt es auch beim Hund unzählige Formen und Ausprägungen von Angst. Diese reichen von leichter Unsicherheit bis hin zu schwersten körperlichen und seelischen Traumata. Insofern kann der Versuch, Wege zur Behandlung und Überwindung von Ängsten aufzuzeigen, immer nur bruchstückhaft sein. Nichtsdestotrotz gibt es bestimmte allgemeingültige Grundregeln, die auf alle Angstformen Anwendung finden können.

 

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Teil Zwei: Praktische Tipps

 

Wann sollten Sie auf die Adoption eines Hundes, v.a. aber eines Angsthundes, lieber verzichten?

  • Wenn Sie in einer Großstadt bzw. mitten in der Stadt leben
  • Wenn Sie in Vollzeit berufstätig sind und der Hund den ganzen Tag alleine bleiben müsste
  • Wenn Sie noch sehr kleine Kinder haben
  • Wenn es in Ihrem Haushalt/Ihrer Familie sehr hektisch, laut und chaotisch zugeht und keine Rückzugsmöglichkeit für den Hund besteht
  • Wenn der Hund mit ständig wechselnden Bezugspersonen zu tun hätte
  • Wenn in Ihrem Haushalt demenz- oder suchtkranke Familienangehörige leben oder Menschen, deren Verhalten aus welchen Gründen auch immer nicht berechenbar ist

 

Hilfreich bei der Überlegung, einen Angsthund zu adoptieren, sind:

  • Ein bereits vorhandener souveräner und sozialer Ersthund: Dieser kann einem verängstigten Hund durch seine Vorbildfunktion viel schneller als ein Mensch vermitteln, dass er sich nicht zu fürchten braucht
  • Ein ausbruchssicher eingezäunter Garten
  • Ausreichend Platz in Haus oder Wohnung, so dass der Hund genügend Rückzugsmöglichkeiten hat

 

Was sollten Sie neben den normalen Dingen wie Halsband, Leine, Napf und Körbchen besorgen, bevor Ihr Angsthund ins Haus kommt?

  • Ein sogenanntes Sicherheitsgeschirr, das verhindert, dass sich der Hund bei einem Panikanfall herauswinden und fortlaufen kann
  • Eine Schleppleine von 8-10m Länge, damit Ihr Hund seinen Radius erweitern kann, dabei aber immer gesichert ist
  • Eine Transportbox (Kunststoff, Metall, Nylon-Softbox), die Sie mit einem weichen Kissen o.ä. ausstatten und an einem ruhigen Ort in der Wohnung aufstellen

 

Wie verhalten Sie sich, wenn Ihr Angsthund bei Ihnen angekommen ist?

  • Je nach Verfassung lassen Sie ihn sich erst einmal lösen, oder bringen Sie ihn in den Raum mit der ihm zugedachten Box. Das Sicherheitsgeschirr sollte er in der ersten Zeit permanent tragen. Stellen Sie ihm Wasser und ein bisschen Futter hin und lassen Sie ihn erst einmal zur Ruhe kommen. Schauen Sie ab und zu nach ihm, halten Sie aber Abstand und sprechen Sie ihn höchstens kurz in ruhigen und freundlichen Worten an. Halten Sie Ihre anderen Haustiere erst einmal von ihm fern. Achten Sie darauf, dass alle anderen Familienmitglieder sich ebenso verhalten.
  • Befestigen Sie eine dünne Schnur, die je nach Hundegröße zwischen 30-50 cm lang ist und mit der der Hund sich nicht verheddern kann, an dem Sicherheitsgeschirr. Dadurch können Sie auf den Hund einwirken, ohne ihn direkt anfassen zu müssen, z.B. um ihn an einen bestimmten Ort innerhalb des Hauses zu führen, oder um ihn festzuhalten, damit Sie die normale Leine bzw. Schleppleine am Geschirr befestigen können.
  • Möchte er Kontakt aufnehmen, setzen Sie sich in einiger Entfernung von ihm auf den Boden und schauen Sie ihn nicht direkt an. Versuchen Sie, ob er auf ein besonders schmackhaftes Leckerli reagiert. Bieten Sie ihm Futter und Streicheleinheiten an, aber drängen Sie sich ihm nicht auf. Ideal wäre, wenn Sie ihn in der ersten Zeit aus der Hand füttern würden, aber viele Angsthunde fressen anfangs nur, wenn sie sich unbeobachtet fühlen.
  • Denken Sie immer daran, dass alles für ihn fremd ist und er mit einer unglaublichen Fülle von neuen Eindrücken fertig werden muss. Lassen Sie ihm Zeit.
  • Nach und nach können Sie ihm die anderen zwei- und vierbeinigen Familienmitglieder vorstellen und ihn mit dem Rest der Wohnung bzw. des Hauses und soweit vorhanden, dem Garten vertraut machen. Erledigt er draußen seine Geschäfte, loben Sie ihn nachdrücklich, aber ruhig, so dass er weiß, dass er es richtig gemacht hat.
  • Kann er sich in der Wohnung frei bewegen, achten Sie darauf, dass er immer die Möglichkeit hat, seinen Rückzugsort aufzusuchen.
  • Versuchen Sie, eine Alltagsroutine mit festen Fütterungs- und Ausgehzeiten zu etablieren. Struktur ist bei Angsthunden immer hilfreich.
  • Nehmen Sie seine Ängste ernst, aber bestärken sie ihn nicht darin. Hat er Angst, reden Sie nicht ununterbrochen beruhigend auf ihn ein, sondern treten Sie gelassen und souverän auf, so dass er merkt, dass Sie die Situation unter Kontrolle haben. Dies kann auch bedeuten, dass Sie ihn aus der angsterzeugenden Situation ein Stück weit oder vollständig entfernen.
  • Es ist eine Gratwanderung, den Hund zu fördern, aber nicht zu überfordern. Und oft hilft nur: Üben, üben, üben….
  • Leckerlis sind oft ein guter Indikator für den Stresslevel eines Hundes. Versuchen Sie herauszufinden, was Ihr Hund besonders gerne mag. Bereitet ihm eine Situation so viel Stress, dass er auf die schönsten Delikatessen nicht mehr reagiert, ist er definitiv überfordert.
  • Verstärken Sie erwünschtes Verhalten immer positiv, aber machen Sie Ihrem Hund auch von Anfang an klar, was er nicht tun soll.

 

Welche Möglichkeiten gibt es noch?

  • Holen Sie sich Hilfe bei einer/m professionellen Hundetrainer/in. Aber Achtung: Es ist nicht alles Gold, was glänzt! Schauen Sie sich mehrere Trainer/innen und deren Trainingsmethoden genau an und vereinbaren Sie erst einmal einen Gesprächstermin, um herauszufinden, ob der- oder diejenige überhaupt zu Ihnen und Ihrem Hund passt.
  • Ziehen Sie eine/n Tierärztin/Tierarzt Ihres Vertrauens zu Rate. Im Idealfall hat er oder sie die Zusatzbezeichnung Verhaltenstherapie. Eine medikamentöse Therapie sollte nicht von vornherein ausgeschlossen, aber gut abgewogen werden.
  • Fragen Sie eine komplementärmedizinisch erfahrene Tierärztin oder Tierverhaltenstherapeutin (bzw. einen Tierarzt oder Therapeuten) um Rat. Mit Bachblüten und/oder Homöopathie lassen sich Ängste oft gut unterstützend behandeln.
  • Sehr hilfreich ist bei Angsthunden häufig die sogenannte Tellington-Touch-Methode (T-Touch) nach Linda Tellington-Jones. Geschulte Trainer finden Sie unter www.tellington-methode.de
  • Thundershirt, Anxiety Wrap, Karma Wrap, Zen Pet: Diese „Anzüge”, die ebenfalls auf der  T-Touch-Methode basieren, geben dem Hund ein besseres Körpergefühl und „Bodenhaftung“ und dadurch mehr Sicherheit.
  • Adaptil-Verdampfer oder Halsband: Ein Pheromon-Präparat mit beruhigender Wirkung für Hunde.
  • Zylkene-Kapseln: Dieses Präparat enthält einen Wirkstoff, der dem beruhigenden Bestandteil in der Milch der Hundemutter nachempfunden ist. Sprechen Sie vor der Anwendung aber mit Ihrer/m Tierärztin/Tierarzt. Das Gleiche gilt für andere Präparate, auch wenn diese frei verkäuflich sind (z.B. Anxitane).

 

 

Empfehlenswerte Literatur:

 

Patricia B. McConnell: Will sei Dank: Memoiren einer Frau mit Hund – 2017

Nicole Wilde: Der ängstliche Hund - 2009

Linda Tellington-Jones: Tellington-Training für Hunde: Mit DVD – 2010

 

 

 

 

Mein Angsthund Maia

links -              Maia bei ihrer Ankunft

rechts oben -  Maia in ihrer Box - bis heute ihr sicherer Hort

rechts unten - Maia nach 6 Monaten - fröhlich, sportlich und mit allen 4 Pfoten mitten im Leben!